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Beliebtes Szene-Lokal mit geistlicher Vergangenheit
Wo heute die Jugend abtanzt und feiert, hat einst der Heilige Korbinian seine erste Zelle gebaut und ein Kloster gegründet
Von Birgit Goormann
Freising Schon der Heilige Korbinian, Gründer des Bistums Freising, hat diesen Ort geschätzt. Im Jahr 724 erbaute er am Lindenkellerberg, wie die Freisinger diese Stelle des Weihenstephaner Bergs nennen, seine erste Zelle, um sich dort kontemplativen Betrachtungen zu widmen. Die Mönchszelle wurde 833 in das Benediktinerkloster St. Veit und 1020 vom Freisinger Bischof Egilbert schließlich in ein Chorherrenstift umgewandelt, das dann 1803 nach der Säkularisation abgebrochen wurde.
All das ist auf einer kleinen, unscheinbaren Tafel am denkmalgeschützten Eingangstor zum Lindenkeller zu lesen. Diese Tafel ist so unscheinbar, dass so mancher an sich ortskundige Besucher gar nicht weiß, an welch spirituellem Ort er sich befindet. An diesem hatte schon im Jahr 1825 an einer Freiluftschänke ein gewisser Franz Seraph Sporrer kühles Bier an durstige Spaziergänger ausgeschenkt.
Ort mit besonderer Stimmung
Zu spüren sei die ganz besondere Atmosphäre des Lindenkellers indes durchaus, versichert Sigi Malaj, seit 1988 - mit einer kurzen Unterbrechung - Wirt im Lindenkeller und zuvor als Betreiber Freisinger Studentenkneipen schon bekannt. "Es ist ein besonderer Ort, mit einer besonderen Stimmung, das lässt sich ganz schwer beschreiben." Fakt sei, dass noch nie etwas wirklich Unangenehmes passiert sei, keine Schlägerei unter Gästen - lässt man die organisierten Boxkämpfe amerikanischer Besatzungssoldaten kurz nach dem Krieg außen vor - kein Feuer, kein Einbruch. Nur einmal, in den 70ern, so Malaj, habe ein Düsenjäger ein Triebwerk über Freising verloren, das im Biergarten der Gaststätte gelandet sei. Der war an diesem Tag nicht in Betrieb, es kam also niemand zu Schaden.
Für die Geschichte des Ortes gibt es auch sichtbare Beweise, selbst wenn man die erst freilegen muss. "Wir haben auf dem jetzigen Parkplatz mal einen provisorischen Biergarten angelegt, dort war früher der Friedhof für die Mönche, man musste gar nicht tief graben, bis man auf menschliche Knochen stieß", erzählt Malaj. Bei Sanierungsarbeiten in den neunziger Jahren hatte auch der Archäologische Verein seine Chance ergriffen: Er durchstöberte das Erdreich und entdeckte eine urnenfeldzeitliche Kulturschicht sowie Fundamentreste aus der nachromanischen Zeit, die, so meinen Experten, anstelle der alten Kirche St. Veit aus dem Jahr 860 angelegt worden waren.
Dass der Lindenkeller etwas Besonderes sein muss, zeigt auch der Kampf, den die Freisinger um ihn geführt haben. Hätten sie das nicht getan, stünde dort heute wohl ein Hotel für Kongressreisende. Ende der achtziger Jahre stand das Gasthaus, bis dahin im Besitz des Freistaates, zum Verkauf. Mittlerweile war die Wirtschaft zu einer Kultstätte für die Jugend geworden. Der damalige Pächter Klaus Hänel, später Wirt im Münchner Schlachthof, betrieb im Saal eine Diskothek, deren Ruf weit über die Landkreisgrenzen hinaus bekannt war. Das sah man auch an den Kennzeichen der zahlreichen Autos, die allabendlich auf dem Berg und in den umliegenden Wohngebieten geparkt wurden. Weil deren Besitzer natürlich damit auch wieder nach Hause fahren wollten, hatten die Anwohner irgendwann genug vom Lärm fröhlicher Nachtschwärmer und dem Schlagen von Autotüren. Als bekannt wurde, dass Hänel gar keine Lizenz für eine Diskothek hatte und auch nicht genügend Parkplätze ausgewiesen waren, wurde der Lindenkeller zum Politikum. Die Anwohner forderten energisch die Schließung, die Befürworter schlossen sich zur "Initiative Jugendkultur" zusammen. Die hielt das Thema mit legalen und illegalen Demonstrationen, öffentlichen Debatten, Fackelzügen und effektvollen Besuchen im Stadtrat am Kochen.
Der Stadt Freising blieb schließlich nichts anderes übrig, als das Gebäude für rund zwölf Millionen Mark zu kaufen und zu sanieren, denn die Mauern waren feucht, das Leitungsnetz alt und die sanitären Einrichtungen eher unappetitlich. Freisings Jugend hatte sich durchgesetzt und konnte ihren Tempel behalten, wenn auch nicht in der alten Form. Der Lindenkeller bekam ein modernes Facelifting mit viel Glas, Stahl und Beton, an das sich die Traditionalisten unter früheren Gästen erst gewöhnen mussten. Malaj hatte damit keine Probleme: "Alle schwärmten nur noch von dem alten Lindenkeller, ich habe dem Gemäuer nicht nachgetrauert." Im April 1991 hatten sie noch die letzten Nächte in ihrem alten Lindenkeller durchtanzen können, dann wurde die Diskothek geschlossen.
Mittlerweile erinnern Revivalpartys mit der Musik von damals an diese Zeit. Auch die alten Gäste treffen sich dann und tanzen genauso ausgelassen wie früher - auch wenn hier und da Klagen zu hören sind, dass man im Vergleich zu früher nichts mehr aushalte. Auch heute tanzt die Jugend im Lindenkeller, allerdings zu Techno und Break-Beats bei DJ-Partys von Radio Libido mit bekannten DJs oder zur Musik von Freisinger Rock-, Punk-, Funk- und Metalbands wie Shein, Scab und "Last Grain in the hourglass". Wird nicht getanzt, analysieren Kabarettisten die Lage der Nation oder es wird Theater gespielt.

Sigi Malaj hatte den Kampf um den Lindenkeller seit 1988 live miterlebt. Damals betrieb er dort sein Restaurant mit dem Namen "Cobalt", das er 1995 schließen musste, als die Bauarbeiter anrückten. "Das war existenzbedrohend, ich wusste nicht, wie es weiterging, und ich wusste auch nicht, ob ich den Pachtvertrag für den neuen Lindenkeller erhalten würde", erinnert er sich. Malaj zog mit dem "Cobalt" in die Innenstadt, die Stammgäste mit ihm. Den Zuschlag für den neuen Lindenkeller bekam er dann in der Tat erstmal nicht. "Ich hatte mich bei der Präsentation im Stadtrat aber auch ziemlich schlecht verkauft." Später, nachdem sich die wirtschaftlichen Vorstellungen seines Konkurrenten nicht erfüllt hatten, kam er doch zum Zug. Er nannte sein Lokal jetzt "Pasta & More". Malaj führt es zusammen mit Thomas Winkler. Das Restaurant bietet Platz für 110 Gäste, ein Raum ist für Nichtraucher reserviert. Im Sommer wird das Essen im mittlerweile schön begrünten Garten serviert. Für geschlossene Veranstaltungen gibt es im Obergeschoss das Jagdstüberl - früher war der Lindenkeller nämlich ein Jagdschlösschen.
In der Küche steht der Kalabrese Giovanni und beaufsichtigt als Chef de Cuisine drei Auszubildende bei der Zubereitung von Gerichten der mediterranen Küche. Zutaten wie Fleisch und Gemüse kommen teilweise aus der Region, der örtliche Weinhändler stellt regelmäßig Neuheiten vor. Die Tageskarte wechselt alle zwei Wochen, der Gast kann beispielsweise auswählen aus Erbsencremesuppe mit Fischbällchen, Spinat-Pappardelle mit Seehecht oder einem Fiorentina T-Bone-Steak.
Leidenschaft fürs Kochen
Malaj steht auch selbst am Herd, ist das Kochen doch seine Leidenschaft. "Ich habe schon als Kind gerne gekocht, wir waren eine große Familie mit sechs Kindern, ich habe es geliebt", sagt er heute. Die Eltern, der Vater ein Albaner, die Mutter Münchnerin, sahen die Berufswünsche ihres Sprösslings jedoch eher mit Misstrauen. "Ich war als Kind sehr klein und oft krank, sie meinten, ich könnte den anstrengenden Beruf als Koch nicht durchstehen." Also absolvierte Malaj zunächst eine Ausbildung in einem Steuerbüro und übte diesen Beruf auch ein Jahr lang aus. "Dann ging es nicht mehr, das Büro ist nicht meins."
Als Klaus Hänel noch Pächter war, wirkte in der Küche Jean Luc Garnier, heute Inhaber des Gourmet-Restaurants "Bründlhof" in Wartenberg. Gut essen konnte man im Lindenkeller also schon früher. Das Trinken dort aber war in längst vergangenen Zeiten wohl ein kleines Abenteuer. Das Lokal diente nämlich auch einmal als Schankstube für die Versuche der Brauereistudenten, und nicht jedes Studentenbier wollte so ganz gelingen. Alteingesessene erinnern sich auch noch an Lakis, den Griechen, der bei Silvesterfeiern immer so gerne Geschirr zertrümmerte, um das neue Jahr zu begrüßen. Scherben bringen Glück - möglicherweise gibt es den Lindenkeller darum heute noch.
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.193, Donnerstag, den 23. August 2007 , Seite 2

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